Philipp Eigenmann und die Kunst, Geschichte lebendig zu halten
Das gelebte Erbe der Keramik Werkstatt Schaedler

«Geschichte kann man nicht kaufen. Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht. Oder man vernachlässigt sie.»
Philipp Eigenmann sagt diesen Satz ruhig, fast beiläufig. Und doch liegt in diesen Worten bereits alles, was sein Leben, seine Arbeit und diesen Ort prägt. Geschichte ist für ihn kein schneller Rückblick und kein schmückendes Element. Sie ist etwas Gewachsenes, etwas Gelebtes. Manchmal auch etwas Romantisches, oft aber vor allem Verantwortung. Und immer eine Haltung.
Wer die Keramik Werkstatt Schaedler in Nendeln betritt, spürt das sofort. Hier wird Geschichte nicht ausgestellt, sie wird weitergeschrieben. In den Werkstätten, in den Öfen, im Ton, der seit Jahrhunderten aus derselben Landschaft stammt. Und in einem Familienunternehmen, das seit 1836 besteht und bis heute in den Händen derselben Linie geblieben ist.
Philipp Eigenmann ist Keramiker. Aber eigentlich ist er viel mehr als das. Er ist Bewahrer und Gestalter zugleich, ein Macher mit Humor, ein Mensch, der tief verwurzelt ist und dennoch neugierig nach vorne blickt. Einer, der überzeugt ist, dass Handwerk nur dann eine Zukunft hat, wenn es Sinn stiftet für die Menschen, für den Ort, für die Gemeinschaft.
Die Geschichte der Keramik Werkstatt Schaedler beginnt im Jahr 1836. Sein Ur-Ur-Grossvater Philipp Albert Schädler wagte damals den Schritt in die Selbstständigkeit und stellte Ofenkacheln her. Nendeln war zu dieser Zeit ein keramisches Zentrum. Gleich vis-à-vis befand sich die Fürstliche Ziegelei, Biberschwänze wurden produziert, der berühmte Ringofen prägte die Gegend. Der Rhein lieferte seit Millionen von Jahren den Rohstoff Ton, kurze Wege, ideale Bedingungen. Kein Zufall also, dass sich hier eine keramische Tradition entwickelte.
Zunächst produzierten Ur-Ur-Grossvater und Ur-Grossvater ausschliesslich Ofenkacheln. Doch mit dem technischen Fortschritt veränderte sich der Markt. Öl- und Gasheizungen kamen auf, die Nachfrage nach Kachelöfen ging zurück. Philipp Eigenmanns Grossvater Eugen Schädler reagierte und stellte die Weichen neu. Er begann mit der Töpferei und engagierte deutsche Töpfer sowie Keramikmaler. Damals war das noch ein klassischer Männerberuf. Gleichzeitig gab er jungen Liechtensteinern die Möglichkeit, eine Lehre zu absolvieren. Wissen wurde weitergegeben, Handwerk blieb lebendig.
Familiengeschichte und Unternehmensgeschichte sind untrennbar miteinander verbunden. Philipp Eigenmann erzählt von seiner Mutter Emma, der ersten Frau im Liechtensteiner Landtag, von seinem Vater, einem St. Galler, der als Aussendienstmitarbeiter zur Keramik Schaedler kam und blieb. «Darum heissen wir heute Eigenmann», sagt er lachend. Die Wurzeln aber, die liegen tief in Liechtenstein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Branche erneut. Grossproduktionen von Geschirr machten es kleinen Betrieben schwer, preislich mitzuhalten. Dann kam die Ölkrise, autofreie Sonntage, Sparmassnahmen. Und plötzlich die Erkenntnis: Holz gibt es vor der Haustür. Kachelöfen erlebten ab 1979 eine Renaissance. Bis Mitte der 1990er-Jahre war die Nachfrage enorm. Doch auch dieser Trend hielt nicht ewig. Specksteinöfen, Metallöfen, neue Heizsysteme. Wieder musste man sich neu erfinden.
Und dann, im Jahr 1992, betrat ein Mann die Werkstatt. «Damals kam er mir alt vor», sagt Philipp Eigenmann lachend. «Heute weiss ich: Er war vielleicht 45. Der Mann trat etwas geheimnisvoll auf und stellte eine scheinbar harmlose Frage: «Könnt ihr auch einen Topf machen?» Er suchte eine Urne, eine Menschenurne.
Was zunächst ungewöhnlich erschien, entwickelte sich zu einem neuen, wichtigen Standbein. Über Kontakte zu Krematorien entstand Schritt für Schritt die Urnenproduktion. Zunächst für Menschen, später vor allem für Tiere. Heute produzieren wir hauptsächlich Tierurnen. Katzen und Hunde sind Familienmitglieder geworden. Man möchte ihnen auch über den Tod hinaus Würde und Liebe entgegenbringen.»
Diese Empathie ist spürbar. Sie steckt in jeder Form, in den Farben, in der Glasur, in der Sorgfalt jedes einzelnen Stücks. Vieles von dem Wissen, das in zahlreichen Keramikmanufakturen längst verloren gegangen ist, hat sich in den Sach- und Dokumentenarchiven der Keramik Werkstatt Schaedler erhalten.
Formen, Farben, Materialien. Ein über Generationen gewachsenes Wissen, das für die Herstellung keramischer Ersatzteile und für Restaurierungsarbeiten unverzichtbar ist. Die Sammlungen der Werkstatt sind eine wahre Fundgrube für Spezialisten. Dazu zählen neben klassischen Stücken wie Geschirr zum Kochen, Braten, Servieren und Aufbewahren auf Wunsch auch Bodenplatten, Wandplatten, Dachziegel und natürlich Ofenkacheln.
Kultur zwischen Brennofen und Bühne
Wer den Produktionsbetrieb betritt, merkt schnell: Dies ist kein klassischer Betrieb. Es ist ein lebendiger Ort, an dem gearbeitet, gedacht, diskutiert, musiziert und gespielt wird.
Philipp Eigenmann liebt Kultur, Geschichte, Theater und Musik. Schon als Schüler entschied er sich bei der Matura bewusst für das Fach Geschichte. Sein Lehrer, Rupert Quaderer, freute sich damals, dass sich wenigstens einer der Maturanten dafür entschied. Diese Wertschätzung hat Spuren hinterlassen. «Darum engagiere ich mich auch in der Stiftung Hagenhaus. Das Haus, in dem wir heute sind, wurde 1835 erbaut; das benachbarte Hagenhaus 1837 – in denselben Jahren. Übrigens lebte zu dieser Zeit auch Peter Kaiser, der Pädagoge, Historiker und Politiker. Mein Ur-Ur-Grossvater war ein Zeitgenosse von ihm. All das ist für mich wertvoll, spannend und motivierend.»
Vielleicht ist es genau diese Offenheit, die dazu führte, dass der Betrieb zu einem kulturellen Treffpunkt wurde. «Georg Rootering hat mich einmal angerufen, er wollte eine TAK-Tasse gestalten lassen, eine kleine Edition für Abonnenten. So lernten wir uns kennen. Die Künstlerin Sandra Rossi modellierte Skulpturen und liess sie bei uns brennen. Eines Tages kam ihr Mann Florin Frick vorbei, um die Werke abzuholen. Aus diesen Gesprächen entstanden neue Ideen – Ideen führten zum Theater und schliesslich wieder zum Regisseur Georg Rootering.
Die Ofenhalle wurde zur Bühne. Zwischen Brennöfen, Ton und Werkzeugen erklang Homer. «Der Zorn des Achill» – archaisch, intensiv, eindringlich. Das Publikum war begeistert.
Mit dem zweiten Projekt folgte bewusst ein Kontrast: «Krach im Hause Gott» von Felix Mitterer. Skurril, frech und tiefgründig. Die Schauspieler standen auf den Brennöfen. Zwischen Kreuz, Keramik und Feuer entfaltete sich ein ebenso humorvoller wie nachdenklicher Blick auf göttliche Familienkonflikte. Gelächter und Nachdenken lagen nah beieinander.
Kultur darf überraschen», sagt Philipp Eigenmann. «Sie darf irritieren und sie darf Spass machen.» Weitere Projekte sind bereits in Planung. Noch geheim, aber eines ist sicher: Es wird wieder etwas Besonderes.
Philipp Eigenmann lacht. «Kurz zusammengefasst: Familie, Werkstatt, Theater, Kultur, Gastronomie, Kunstschule, Musikakademie in Liechtenstein … es fehlt nur noch die Hängebrücke... daran arbeiten wir noch!
Café, Familie und der Sinn des Tuns
Ein weiteres Herzensprojekt ist das Keramik-Café. Die Idee entstand in Finnland, wo ich zwei Jahre als Keramiker gearbeitet habe. Stundenlang fuhr ich durch Wälder, kleine Ortschaften, und plötzlich stand da eine Keramikfirma mit Café, mitten im Nichts. Man konnte der Produktion zuschauen und einen Kaffee trinken. Das hat mich nie mehr losgelassen.
Zurück in Liechtenstein war die Zeit noch nicht reif. Damals kam kein Mensch. Erst viele Jahre später, nach der Wirteprüfung, wurde das Café Realität. Heute ist es Treffpunkt, Denkraum, Gesprächsort. Hier steht ein Steinway-Flügel, der über eine Philipp-zu-Philipp-Geschichte seinen Weg in die Werkstatt fand. Musikabende sind geplant, Gespräche sowieso.
Ich führe das Unternehmen gemeinsam mit meiner Frau Ulrike, die mich in allem unterstützt. Ich habe die Ideen – sie setzt sie um. Dabei muss ich schmunzeln. Denn Ulrike hat mich auf ganz besondere Weise ins Leben geführt: Ein Kollege von mir, ein Nendler, hat damals eine Familienhelferin geheiratet. Er meinte zu mir: «Philipp, eine Familienhelferin hilft dir zu einer Familie.» Und genau so war es auch bei mir. Ulrike war auch Familienhelferin und hat mir geholfen, unsere Familie zu gründen. Gemeinsam haben wir vier Töchter, wie einst mein Grossvater. Drei haben die Matura gemacht und davon zwei studiert (Physik und Biologie). Die Jüngste ist Augenoptikerin. Und es zeigt sich: Zwei möchten den Weg weitergehen. Annina, die älteste, ist bereits im Betrieb tätig, Physikerin, bringt neue Perspektiven ein. Die dritte, Katharina, erfolgreiche Skeletonfahrerin, hat entschieden: Wenn der Sport endet, kehrt sie zurück.»
Warum also weitermachen?
«Weil ich mit meinem Beitrag die unmittelbare Umgebung lebenswerter, schöner machen möchte. Beim Arbeitsplatz, bei der Familie und bei den Hobbys.
Ich stelle mir eine Frage, die selten gestellt wird: Rendiert es auch?
Wenn wir alles nur noch nach Rendite beurteilen, verlieren wir unglaublich viel. Ich denke da an Musik, ans Theater, an Engagement. Vom Applaus kann man nicht leben, aber er ist unbezahlbar.»
Produkt aus Liechtenstein – mit Gesicht
Seit 2023 ist die Keramik Werkstatt Schaedler stolzer Markenpartner von Liechtenstein Marketing und trägt die Auszeichnung «Produkt aus Liechtenstein». Begonnen hat die Zusammenarbeit mit dem Erlebnispass. Besucherinnen und Besucher kamen, erhielten einen Becher, schauten zu, erlebten das Handwerk.
Dann kam eine Anfrage für die deutsche Sendung «Wunderschön». Kurzfristig, spontan, authentisch. Das Ergebnis: grosse Resonanz. «Man wird im Ausland angesprochen», erzählt Philipp Eigenmann. «Sind Sie nicht der aus der Sendung?» Er lächelt. «Das macht Freude.»
Liechtenstein Marketing gibt dem, was hier entsteht, ein Gesicht. Es zeigt, dass Handwerk, Kultur und Geschichte keine Relikte sind – sondern lebendige Gegenwart.
«Das ist wie Applaus, man kann ihn nicht kaufen, aber er kommt zurück.»
Und vielleicht ist genau das die Essenz dieser Geschichte:
Geschichte lebt, sie lebt dort, wo Menschen sie ernst nehmen, weitertragen und neu denken. In Nendeln, in der Keramik Werkstatt Schaedler, bei der Familie Eigenmann.